Erfurt, 26.01.2009

Ordnungspolitischer Kommentar

 Prof. Dr. Ralph Wrobel, Westsächsische Hochschule Zwickau

Von der Subprime-Krise zum Konjunkturpaket:

Die Finanz- und Wirtschaftskrise aus ordnungspolitischer Sicht

Aus der amerikanischen Finanzkrise ist eine weltweite Wirtschaftskrise geworden. Selbst die Bundesregierung nimmt ihre Prognosen für 2009 zurück und geht z.Zt. von einem Schrumpfen der deutschen Wirtschaft von 2,25% aus. Das ist der stärkste Einbruch der Wirtschaftsleistung in der Geschichte der Bundesrepublik. Insgesamt befindet sich die Welt in einer der schlimmsten Krisen seit der Weltwirtschaftskrise 1929. Deshalb wird die Kritik am „Kapitalismus“ und seinen Vertretern, den „Neoliberalen“, von vielen Seiten wieder laut. Nicht nur John Maynard Keynes scheint seine Auferstehung zu  feiern, sondern selbst Karl Marx kommt wieder zu Ehren. Ist es aber richtig, dass wieder einmal der Markt versagt hat, dass die Gier der Kapitalisten die Welt in die Krise führte, und nun der gute und allwissende Vater Staat für Stabilität und Ausgleich sorgen muss? Nein, denn es waren zuerst staatliche Maßnahmen und Fehlanreize, die den Boden für die Finanzkrise bereitet haben. Deshalb werden hier zunächst die Gründe für die derzeitige Wirtschaftskrise aus ordnungspolitischer Sicht gesucht. Dann werden die aktuellen Maßnahmen der Regierungen, insbesondere der deutschen, an ihrem ordnungspolitischen Wert gemessen. Schließlich werden ordnungspolitische Alternativen diskutiert.

 

Von der Subprime-Krise zur Wirtschaftskrise – die Hintergründe

Die Ursachen der derzeitigen Wirtschaftskrise sind in verschiedenen Bereichen der internationalen Finanzwelt zu finden. Sowohl die US-amerikanische Geldpolitik, als auch die Globalisierung der Finanzströme und der fehlende internationale Ordnungsrahmen derselben kann für die Banken- und Finanzkrise verantwortlich gemacht werden. Von reinem Marktversagen zu sprechen, wäre aber völlig verkehrt. So hat zunächst einmal die amerikanische Zentralbank seit Jahren die Märkte immer dann mit billigen Krediten überschwemmt, wenn ein konjunktureller Abschwung zu befürchten war. Bereits nach dem Platzen der New-Economy-Blase hatte die FED den Zinssatz zeitweilig auf ein Prozent gesenkt. Berücksichtigt man die damalige Inflationsrate, war der Zinssatz sogar negativ. D.h. die Banken erhielten noch eine Prämie, wenn sie sich verschuldeten. Durch eine solche Politik des billigen Geldes wurde die Geldmenge insbesondere in den USA aber auch im Eurogebiet lange Zeit extrem ausgeweitet. Verzerrte Preise, konkret falsche Zinssätze, schaffen aber falsche Strukturen. Alles dies trieb die Immobilienpreise nach oben und lockte Immobilienspekulanten an. Amerikanische Hauseigentümer rechneten sich reich und beliehen die Wertsteigerungen ihrer Immobilien, um damit ihren Konsum zu finanzieren.

Mit Hypothekenkrediten verdienten die Banken so gut, dass sie überhaupt nicht mehr auf die Bonität der Schuldner achteten. Parallel wurde die Vergabe von Krediten an sozial Schwache in den USA staatlich gefördert, um jedem Amerikaner unabhängig von seinem Einkommen und seiner Leistungsfähigkeit ein eigenes Zuhause zu ermöglichen. Dazu wurden sogar staatlich abgesicherte Banken gegründet, die kein Risiko zu befürchten hatten. Es entstanden die Subprime-Kredite, deren Schuldner auch als Ninjas („No-Income-No-Job-No-Asset“) bezeichnet wurden. Dass die Hypothekenverträge nicht durch Eigenkapital oder stetig fließende Einkommen gesichert waren, störte nicht. Stattdessen wurden diese drittklassigen Hypotheken gebündelt und zu hypothekarisch gesicherten Kapitalmarktpapieren, die internationalen Kapitalanlegern angeboten wurden. Ratingagenturen versahen diese Wertpapiere mit ihren Gütesiegeln, ohne zu sehen – oder sehen zu wollen – dass auch die beste Mischung schlechter Risiken kein gutes Gesamtrisiko ergeben kann. Im Rahmen der fortschreitenden Globalisierung konnten solche „Wertpapiere“, die nur geringen Wert aber ein hohes Risiko beinhalteten, weltweit an Anleger – Pensionsfonds, Investmentfonds, Geschäftsbanken einschließlich aller deutscher Landesbanken – verkauft werden.

So kam die Finanzkrise auch nach Europa. Doch auch hier haben niedrige Zinsen die Hauspreise nach oben getrieben und Blasen entstehen lassen. Die Ursachen der aktuellen Krise liegen daher nicht nur in den USA. Diese Blasen platzten, als die westlichen Zentralbanken Schritt für Schritt die Zinsen anheben mussten, um den Wirtschaftsboom und die Inflation unter Kontrolle zu bekommen, denn im Gegensatz zu Deutschland werden in den USA, Großbritannien, Spanien und anderen Ländern Immobilienkredite mit kurzfristiger Zinsbindung finanziert. Erst als dann die ersten Hypothekenschuldner ausfielen, weil sie die gestiegenen Zinsen nicht mehr bezahlen konnten, und Zwangsversteigerungen die Baupreise drückten, wurden die Subprime-Kredite als das identifiziert, was sie wirklich waren, Schrott!

Wieso war solch eine Fehlentwicklung aber überhaupt möglich? Ordnungspolitisch ist hierbei insbesondere auf das unzureichende aufsichtsrechtliche Regelwerk hinzuweisen, das den Banken risikoreiche Geschäfte ohne Sicherungs- und Haftungsregeln ermöglichte. Hinzu kam sowohl in den USA als auch in anderen Ländern das Versagen von Aufsichtsbehörden und Ratingagenturen. In Deutschland scheint zudem die Überwachung gerade der staatlich kontrollierten Banken versagt zu haben. Betrachtet man den deutschen Bankenmarkt fällt auf, dass insbesondere diese Banken von der Krise betroffen sind (IKB, KfW, Sächsische LB, Westdeutsche LB, Helaba etc.).

Da die Banken aufgrund der Unsicherheit in der Finanzwelt nun sehr vorsichtig mit der Vergabe untereinander sind, auch nur noch recht beschränkt Kredite an Unternehmen und Privatpersonen vergeben, ist jetzt auch der realwirtschaftliche Sektor betroffen. Denn Unternehmen brauchen Kredite, um zu investieren und zu produzieren. Auf der anderen Seite konnten viele Privatpersonen – insbesondere in den USA – auf Basis von Hypothekarkrediten in der Vergangenheit übermäßig viel konsumieren, eine Nachfrage, die nun zusammen gebrochen ist. Dadurch dass im Rahmen der Krise die Aktienkurse ins bodenlose fielen, sind auch viele Privatvermögen zum großen Teil vernichtet worden, damit aber auch zukünftige Konsummöglichkeiten. So treibt die Weltwirtschaft immer weiter in eine Depression hinein. Eine steigende Anzahl von Konkursen und eine Erhöhung der Arbeitslosenquoten ist das Ergebnis.

 

Konjunkturpakete und Bankenschutzschilde als Lösung?

Noch vor kurzem galten John Maynard Keynes und seine Staatsgläubigkeit als Teil der Wirtschaftsgeschichte. Doch in unserer Zeit der konjunkturellen Depression feiern seine Konzepte wieder Auferstehung. Zwar ist es völlig richtig, den von Keynes beschriebenen Herdentrieb und die übertriebenen Erwartungen der Marktakteure für das Entstehen der derzeitigen Wirtschaftskrise mit verantwortlich zu machen. Auch dass die Geldpolitik bei stark pessimistischen Erwartungen nicht mehr durch Zinssenkungen zum Investieren und Konsumieren motivieren kann (Liquiditätsfalle), ist derzeit insbesondere in den USA deutlich sichtbar. Es stellt sich jedoch die Frage, ob staatliche Eingriffe, wie sie Keynes vorschlug, eine Lösung des Problems sein können. Hier stehen Ordnungspolitik und Keynesianismus sich diametral gegenüber.

Bisher wurde jede Wirtschaftskrise, ja sogar jede größere Rezession, als einzigartig bezeichnet und deshalb als Ausnahmetatbestand von ordnungspolitischen Prinzipien erklärt. Wo eben noch eiserne Finanzdisziplin geübt wurde, werden heute zig Milliarden mit vollen Händen ausgegeben. Deutschland war hier zunächst zögerlich, ist nun aber im Wettlauf um das teuerste Programm mit dabei. Bereits Ende 2008 beschloss die Bundesregierung das 31 Milliarden Euro schwere Konjunkturpaket 1, jetzt kommt noch das Konjunkturpaket 2 in Höhe von 50 Milliarden Euro hinzu. Die Tatsache, dass das Superwahljahr 2009 begonnen hat, scheint zudem zu einem Konjunkturprogramm zu führen, das die Auslage in einem Gemischtwarenladen darstellen könnte. Jede soziale Gruppe (jede Wählergruppe!) wird bedient, jede Partei in der großen Koalition hat einen Erfolg zu verbuchen. Neben die typisch Keynesianischen Investitionen in Infrastruktur (Straßen und Schienen) sowie Schulen und Universitäten (17 bis 18 Mrd. Euro) treten kleine Steuersenkungen (Senkung des Steuerfreibetrages und des Eingangssteuersatzes), eine Senkung des gerade angehobenen Beitragssatzes in der Krankenversicherung (von 15,5% auf 14,9%) sowie reine Geldgeschenke an die Bevölkerung.

Die nun anlaufenden staatlichen Ausgabenprogramme werden in vielfacher Hinsicht mehr schaden als sie nützen können. Zum einen wirken sie viel zu spät, denn bis die Programme Gesetzeskraft bekommen haben und auch praktisch umgesetzt sind, kann die Wirtschaftskrise bereits wieder überstanden sein. Zwischen dem Auftreten der Wirtschaftskrise und dem Wirksamwerden der Konjunkturmaßnahmen liegen aufgrund der langwierigen parlamentarischen Entscheidungsfindung und den ebenfalls langen Ausschreibungsfristen für öffentliche Aufträge häufig bis zu zwei Jahre. Dann wirken die Maßnahmen aber vielleicht schon überhitzend im konjunkturellen Aufschwung.

Noch unsicherer ist die Wirkung der Geldgeschenke an die Bevölkerung. Während die 100 Euro pro Kind auf den Sparkonten der verunsicherten Eltern landen können, nützt die Verschrottungsprämie von 2.500 Euro pro Altwagen vielleicht nur den japanischen oder tschechischen Autobauern. Insgesamt muss man sagen, dass es ordnungspolitisch unsinnig ist, schwache Wirtschaftsunternehmen mit staatlichen Bürgschaften und Ausgabenprogrammen zu stützen, denn damit wird der freie und faire Wettbewerb verzerrt. Außerdem geschieht dies zu Lasten der gesunden Unternehmen, die die staatlichen Programme durch ihre Steuern bezahlen müssen. Statt ökonomischer Effizienz gibt es außerdem keine an Nachfrage und Kosten orientierte Selektion und Kapazitätsanpassung mehr. Unternehmen, die wie GM, Ford oder Chrysler seit Jahren auf eine Produktpalette setzen, welche nicht den Wünschen der Verbraucher entspricht, müssen in einer Marktwirtschaft auch aus dem Markt ausscheiden können. Wenn es sich aber um Schlüsselindustrien und wichtige Großunternehmen handelt, an denen viele Arbeitsplätze hängen, wird die Politik aktiv und versucht den Wettbewerb mit seinen Konsequenzen zu verhindern. So sollen jetzt also die Steuerzahler für die Rettung der Autoindustrie sorgen. Wären hunderte kleine Mittelständler betroffen, würde die Politik wohl kaum solch ein kostenintensives Programm auflegen.

Da die fiskalpolitischen Maßnahmen durch eine expansive Geldpolitik der Notenbanken flankiert werden, kommt es zudem zu einer weiteren Aufblähung der Geldmenge mit all ihren inflationären Wirkungen, die letztendlich in eine erneute Blase führen, die einmal platzen muss. Zudem ist eine erneute Geldvermehrung, z.B. durch international koordinierte Zinssenkungen, kein ausreichendes Mittel zur Vertrauensbildung. So hat die US-amerikanische Notenbank durch ihre letzten Zinssenkungen das Vertrauen der Bürger nicht zurück gewonnen, sich aber jedes weiteren Handlungsspielraums beraubt. Daneben – sozusagen so nebenbei - führen alle Konjunkturprogramme zu einer weiter stark ansteigenden Staatsverschuldung. In dieser Hinsicht ist die Idee der Bundesregierung, ein gesetzliches Verbot dauerhafter Neuverschuldung einzuführen ordnungspolitisch sehr gut. Dies allerdings erst ab 2015 tun zu wollen, ist lediglich ein schlechter politischer Witz.

Sicherlich ist es in einer Krise wie der derzeitigen wichtig, zunächst einmal wieder Vertrauen zu schaffen. Bereits Ludwig Erhard sagte, dass 50 Prozent der Wirtschaft Psychologie ist. Dementsprechend sei es wichtig das Vertrauen der Marktakteure zu stärken und ihre Erwartungen zu stabilisieren. Walter Eucken hat dies als das Prinzip der Konstanz der Wirtschaftspolitik bezeichnet. Ob die zahlreichen, unkoordinierten Maßnahmen der Regierungen dieses Ziel erreichen, ist jedoch zweifelhaft. Sie stellen eher eine expansive Form der Interventionspolitik dar, die Ludwig von Mises bereits vor über 70 Jahren als schlechteste Variante eines Wirtschaftssystems – nach Marktwirtschaft und Zentralverwaltungswirtschaft – bezeichnet hat.

Auch ob der 500 Milliarden Euro Schutzschild für die deutschen Banken 2008 notwendig war, ist umstritten. Auf jeden Fall kann Vertrauen in den Bankensektor nicht durch einen solchen allgemeinen Schutzschild geschaffen werden. Zudem stellt solch eine allgemeine Staatsgarantie nur eine Sozialisierung der privaten Verantwortung dar. D.h. der Steuerzahler muss umfangreich für die Fehler der Bankmanager einstehen. Es kann deshalb nur Aufgabe des Staates sein, die bereinigende Wirkung des Marktes zu begleiten, z.B. durch Erleichterung der notwendigen Anpassungen. Die Verstaatlichung großer Banken oder eine Garantie aller privaten Einlagen führt hingegen im Extremfall zum Staatsbankrott wie das Beispiel Islands zeigt. Dementsprechend kann man die Teilverstaatlichung der Commerzbank nur als ausdrücklichen ordnungspolitischen Sündenfall betrachten, insbesondere, da sich die Commerzbank durch die staatliche Finanzspritze nur die Übernahme der Dresdener Bank mitfinanzieren lässt. Statt mit Staatshilfe eine neue Großbank zu schaffen, wäre eine funktionierende Fusionskontrolle und Wettbewerbspolitik ordnungspolitisch die bessere Entscheidung gewesen. Es stellt sich zudem die Frage, ob und wann der Staat die teilverstaatlichten Banken wieder privatisieren wird. Eine konsequente Wettbewerbs- und Ordnungspolitik würde auch den Vertrauensverlust zumindest mittelfristig beheben.

 

Ordnungspolitische Konsequenzen

Während amerikanische Neoliberale wie Milton Friedman die Antwort auf den gescheiterten Keynesianismus in einem völligen Rückzug des Staates aus der Wirtschaft sahen, versuchten die deutschen Ordoliberalen eine neue Verbindung von starkem Staat und freier Marktwirtschaft zu schaffen. So ist das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft durch seinen ordnungspolitischen Rahmen und die Freiheit der Akteure, innerhalb dieses Rahmens unbeschränkt zu agieren, gekennzeichnet. Der ordnungspolitische Rahmen beinhaltet alle Regeln, die eine Marktwirtschaft zum Funktionieren braucht, z.B. ein funktionierendes Preissystem, Geldwertstabilität, Vertragsfreiheit und Privateigentum aber auch das Haftungsprinzip und die Notwendigkeit einer strengen Wettbewerbspolitik. Leider hat sich das ordoliberale Konzept in der Welt bisher – zwischen „neoliberalen“ und keynesianischen Ansätzen – nicht durchsetzen können. Das liegt aber sicherlich nicht in seiner Qualität begründet, sondern in der (Un-)Fähigkeit insbesondere deutscher Ökonomen, dieses Konzept international zu vertreten und zu kommunizieren. Eine Kriese wie die derzeitige sollte die rechte Zeit sein, sich wieder auf die erfolgreiche Idee der Sozialen Marktwirtschaft à la Ludwig Erhard und das Konzept der Wettbewerbsordnung von Walter Eucken zu besinnen.

Insbesondere das Haftungsprinzip muss aus ordnungspolitischer Sicht wieder hergestellt werden. Walter Eucken formulierte es einmal so: „Wer den Nutzen hat, muss auch den Schaden tragen. … Investitionen werden umso sorgfältiger gemacht, je mehr der Verantwortliche für diese haftet.“ Das bedeutet zum einen, dass die Unternehmen, die schlecht gewirtschaftet haben, nun auch in der Krise dafür abgestraft werden müssen. Gegebenenfalls ist es sogar notwendig, dass sie den Markt verlassen und effizienteren Unternehmen Platz machen. Zusätzlich müssen auch Regeln für Manager geschaffen werden, die einen verantwortungsvollen Umgang mit den ihnen anvertrauten Ressourcen erreichen. Manager, die gemäß dem Shareholder-Value-Prinzip nur den aktuellen Börsenkurs ihrer Unternehmen sehen, weil ihre Quartals-Bonuszahlungen davon abhängen, bei Fehlversagen aber in den durch hohe Pensionszusagen abgesicherten Ruhestand treten können, werden nur kurzfristig agieren. Eine langfristige, verantwortungsvolle Geschäftspolitik ist dann nicht mehr in ihrem Sinn, kurzfristig hohe Gewinne versprechende Risiken werden hingegen gerne eingegangen.

Ordnungspolitisch ist insbesondere Transparenz auf den undurchsichtig und komplex gewordenen internationalen Finanzmärkten zu fordern. Der Preismechanismus kann auch hier nur wirken, wenn Anleger das Risiko-Ertragsverhältnis moderner Finanzprodukte durchschauen können. Ansonsten liegt eine gefährliche asymmetrische Information vor. Dieser Gedanke sollte aber keinesfalls zu interventionistischen Eingriffen in das konkrete Marktgeschehen führen, sondern zum Aufbau eines weltweiten Ordnungsrahmens für den globalisierten Finanzsektor. So war es völlig richtig, dass deutsche und andere kontinentaleuropäische Politiker bereits 2007 bei ihren US-amerikanischen und britischen Kollegen auf strengere Regeln für die Finanzmärkte gedrungen haben. Auf diese Weise kam immerhin im November 2008 ein internationaler Gipfel der sog. G20 zusammen, um über die Finanzmärkte und die Weltwirtschaft zu diskutieren. Allerdings sind viele Punkte im Abschlusspapier unscharf formuliert und erst mittelfristig umzusetzen. Helmut Schmidt, der ehemalige deutsche Bundeskanzler, hat daher einen Forderungskatalog aufgestellt, der u.a. eine Konzentration der Finanzaufsichten und Eigenkapitalminima für alle privaten Finanzinstitute fordert. Dies ist ordnungspolitisch zu begrüßen. Ob hingegen Verbote des Terminhandels mit nicht im Besitz befindlichen Wertpapieren („Leerverkäufe“) verboten gehören, ist fraglich. Hier greift der Staat in Wirtschaftsprozesse ein und beschränkt sich nicht mehr auf die Setzung eines Ordnungsrahmens. Zusammen mit Helmut Schmidt ist es aber auf jeden Fall zu begrüßen, dass die Bundesregierung nun die Finanzmarktaufsicht in Deutschland neu ordnen will. So sollen die Deutsche Bundesbank und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) enger verzahnt werden. Die Eingriffsmöglichkeiten der Aufsicht soll gerade in Krisenzeiten verbessert werden. Es ist zu hoffen, dass die geplanten Änderungen zu mehr Transparenz und Wettbewerb führen werden.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise könnte auch zu weiteren ordnungspolitisch sinnreichen Reformen genutzt werden, denn eine „reinigende Krise“ ermöglicht es dringend notwendig gewordene Strukturanpassungen zu vollziehen. So ist gerade Deutschland durch ein viel zu enges Geflecht von Regulierungen (nicht ordnungspolitischen Rahmenbedingungen!) gekennzeichnet. Das ausufernde deutsche Steuerrecht sollte in dieser Situation genauso vereinfacht werden wie die bürokratischen Belastungen reduziert werden müssen. In einer Krise, in der es unweigerlich zu Firmenpleiten und  Entlassungen kommen muss, würde es den Menschen zudem weit mehr helfen, wenn sie auf flexiblen Arbeitsmärkten die Chance auf einen neuen Arbeitsplatz erhielten, als zusammen mit ihren Firmen in die Pleite zu steuern. Das rigide Arbeitsrecht müsste also gerade jetzt gelockert werden. Soziale Absicherung sollte dann lieber den Arbeitnehmern, also Individuen, zufließen, nicht jedoch den organisieren Interessengruppen in der Industrie.

Desweiteren ist aus ordnungspolitischer Sicht auch die Geldpolitik weiter zu verstetigen. Walter Eucken benennt nicht umsonst seine Forderung nach einer stabilen Währung das „Primat der Währungspolitik“. Nur in einem nahezu inflationsfreien Umfeld ist das Funktionieren einer Marktwirtschaft gesichert, denn nur dann können die Preise ihre Informations- und Koordinationsfunktion erfüllen. Wird die Geldpolitik aber als konjunkturpolitischer Spielball missbraucht, kann sie diese Funktion nicht mehr erfüllen. Bisher hat sich das Konzept der Unabhängigkeit der Zentralbank als sehr erfolgreich erwiesen, aber auch die unabhängige Europäische Zentralbank hat sich der Beihilfe bei der US-amerikanischen Politik des billigen Geldes schuldig gemacht. Hier ist ggf. nach strengeren Regeln zu suchen, um solche Fehlentwicklungen in der Zukunft zu verhindern.

Zuletzt ist darauf zu achten, dass in der Wirtschaftskrise nicht die Neointerventionisten die Übermacht gewinnen. Zukünftig dem Staat die Steuerung der Wirtschaft zu überlassen, wäre fatal. Dies hat bereits Friedrich August von Hayek theoretisch umfangreich begründet und eindrücklich als die „Anmaßung von Wissen“ bezeichnet. Unser Wohlstand beruht hingegen auf einer funktionsfähigen Sozialen Marktwirtschaft, die durch offene Märkte – auch Finanzmärkte – und funktionierenden Wettbewerb gekennzeichnet ist. Die politischen Entscheider müssen in dieser Krisensituation daran gemessen werden, inwieweit sie in der Lage sind ordnungspolitische Vernunft zu üben und sich über die kurzfristigen Begehrlichkeiten einiger gesellschaftlicher Gruppen hinwegzusetzen.

 

Literatur:

Die Familienunternehmer (2008) Markt und Staat in der internationalen Finanzkrise (unter: www.familienunternehmer.eu)

Donges, Jürgen (2008) Zuflucht beim Staat, in: Orientierungen zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, Bd. 118 (4/2008), S. 2 – 4.

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Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (Hrsg.) (2009) Regierungskoalition einigt sich: Das Konjunkturprogramm 2 (unter: www.insm.de)

Mises, Ludwig von (1926/81) Kritik des Interventionismus, neu ab­ge­druckt in: Ludwig-Erhard-Stiftung (Hrsg.): Grundtexte zur Sozia­len Marktwirtschaft, Stuttgart, S. 213-220.

Schmidt, Helmut (2009) Wie entkommen wir der Depressionsfalle?, in Die Zeit, 15.1.2009, Nr. 04.

Starbatty, Joachim (2009) Warum die Ökonomen versagt haben, in: FAZ.net (unter: www.faz.net)

Wolfgramm, Christine (2009) Der Staat wird`s schon richten, der Staat macht’s schon gut?, in: IWP (Hrsg.): Der Ordnungspolitische Kommentar 1/2009 (unter: www.otto-wolff-institut.de)

Zeit Online (Hrsg.) (2009) Jahreswirtschaftsbericht: Tiefste Rezession seit 60 Jahren, in: Zeit Online (unter: www.zeit.de)

Zweynert, Joachim (2008) Rückkehr des Keynesianismus? Rückbesinnung auf ordnungspolitische Grundsätze, in: HWWI (Hrsg.): News Thüringen 4/2008, S. 1 – 2.